Wohin geht’s mit GIS?

Ein Thema, das mich seit einiger Zeit beschäftigt, wurde gerade in den USA diskutiert: Wo geht’s eigentlich mit GIS hin? Teilt sich die GIS Welt in eine „neue“ und eine „alte“?

Die „alte“, die „traditionelle“ GIS Welt: Ich hab mich oft gewundert, warum es so viele altbackene Traditionalisten gibt, die an überkommenen Ideen und Geschäftsmodellen festhalten – und neue Ideen und Geschäftsfelder ignorieren.

Andererseits: Die „moderne“ Welt mit Maps, Social Media und Apps. Lauter neue Datenquellen und neuen Geschäftsideen. Ist das GIS?

Ist es vielleicht einfach nur so, dass die „alten GIS Hasen“ nun feststellen, dass immer mehr Menschen in GIS machen, ohne den traditionellen Geo-Hintergrund? Und dass die Diskussion völlig überflüssig ist und nur deswegen geführt wird, weil die alten GIS Hasen sich also bedroht sehen?

Was meint Ihr?

4 Gedanken zu „Wohin geht’s mit GIS?

  1. Dazu dieser Tweet:
    „I cringe every time I go to a local gov website and there’s a link to „GIS Maps“ – you really think joe public knows what GIS is?“

    Vielleicht wird die Diskussion auch nur geführt, weil GIS von einer Spezialistendisziplin zu Mainstream wird?

  2. Das ist ein sehr spannendes Thema, dass Du schön polarisierend eingeleitet hast. Aber genau derart polarisierend empfinde ich (wahrscheinlich ein alter Hase) die Entwicklungen.

    In der Tat gab es eine Zeit, ungefähr das letzte Jahrtausend, also ca. 20 Jahre her, da war GIS eine DER Spezialistendisziplinen. Mit überaus teuren Softwareprodukten auf überaus teuren Unix-Maschinen. Alles war irgendwie übermächtig. Ich erinnere mich an mein erstes Jahr mit Arc/Info und einem knappen Meter gedruckter Handbücher; in der Tat, so etwas hat es gegeben. Die konnte man sich beim Institut dann ausleihen, und wichtige Konzepte lernen, oder Teile der Diplomarbeit draus abschreiben. Und da die hinter meinem Schreibtisch standen, war ich der Schlaueste von allen. Alleine die Notwendigkeit, ohne Maus klar kommen zu müssen und Kommandos und Parameter/Argumente auswendig lernen zu müssen – oder eben die Systematik zu erkennen – war nicht Jedermanns Sache.

    Dann kamen die ganzen Windows-Geschichten. Mehr oder weniger schlecht gemachte Software, quasi der Ansatz Breadth First Selling, jeder hatte irgendwie, machte in irgendetwas, aber für die Bearbeitung einer realen Fragestellung aus Wissenschaft und Planung schadete die Verwurzelung in einer „akademischen Fachlichkeit“ nicht, sondern im Gegenteil. Wer wusste, was er erreichen will, konnte sich mit den digitalen Werkzeugen irgendwie helfen, es waren halt einfach andere Werkzeuge, als Papier und Bleistift. Manches ging besser, schneller, manches war aber auch nur deshalb brauchbar, weil es halt mit GIS gemacht worden war.

    Ich erinnere mich an einen alten Prof, der immer auf der Goethe’schen Farblehre herumritt, welche GIS-Karte wieder völlig unbrauchbar war, weil die Farbästhetik, das intuitive Erfassen von Wertigkeiten, der Beliebigkeit einer Farbpalette geopfert wurde. Wo Interpolationsalgorithmen und Geostatistik nach der Glattheit der resultierenden Isolinien bewertet wurden, statt zu überlegen, ob überhaupt die Bedingungen für deren Anwendung erfüllt waren. Erst wenn bei der „Interpolation“ der Grundwasseroberfläche ganze Landstriche unter Wasser standen war klar, da musste wohl irgendetwas mit den Daten oder dem Programm nicht stimmen. Schupps‘ mal eben die Grundwassergleiche vom See weg!

    Viele raumbezogene Informationen existierten nur auf Papier. Die Datenerfassung, Digitalisierung auf welchem Weg auch immer, war ein großes Aufgabengebiet. Sprüche vom Wert der Daten, ihrer Langlebigkeit, der Notwendigkeit, in eine „gute“ Datenerfassung zu investieren, machten nach wie vor die Runde. Aber nicht mehr lange. Ich sehe nicht, was sich an diesem Thema in Kern geändert haben sollte (Garbage in, Garbage out), aber die Geiz-ist-geil-Mentalität wurde spürbar. Qualität ja, schon, aber bitte billig, immer mehr billiger. Am Besten Offshore abklicken lassen, oder dann auch wieder nicht mehr, vielleicht nicht ganz so weit weg. Oder einfach alle machen lassen, Crowd-Irgendwas.

    Mit den Jahren, so ab 2000 ungefähr, hörte der Spass dann langsam auf. Gefühlt wurde jedes zweite Jahr eine neue IT-Sau durch den Ort getrieben. Mit jedem zweiten Major-Release eine neue Skript-Umgebung, neue Funktionen, noch mehr neue Funktionen; was ich wusste und konnte, machte vielleicht beim nächsten Service-Release eine neue Funktion. Noch schneller, noch besser. In der ESRI-Welt klappte alles ganz gut mit „meiner“ Sammlung Avenue-Skripte. Dann hätte alles neu mit VBA oder DotNet oder Java oder C# oder jetzt, besser zusätzlich auch Python neu geschrieben werden müssen. Aber warum eigentlich: an der eigentlichen Lösung des Kundenproblems hätte sich gar nichts geändert. Wofür der Kunde zahlen wollte, hätte sich nichts geändert. Außerdem bin ich kein Entwickler. Außerdem hat jetzt schon jemand anderes solche Funktionen programmiert. Kann man downloaden. Update verfügbar. Und außerdem sind sie als neue Funktionen für das nächste Release angekündigt.

    Ich bin mir heute nicht sicher, mit welcher anderen digitalen Arbeitsumgebung ich GIS vergleichen kann. Nehmen wir mal das Desktop Publishing. Auch hier gibt es fette Softwaresysteme, die viele Jahre auf dem Buckel habe, an denen auch sicher viele Menschen noch aktuell herumprogrammieren und sie inhaltlich und ergonomisch weiterentwickeln. Und es gibt diejenigen, die die Programme nutzen. Private, Grafik-Designer, andere, denen Office-Produkte für eine bestimmte Aufgabe nicht die erforderliche Flexibilität oder Stabilität liefern. Und es gibt natürlich die Heerscharen der Vertriebler, aber die mögen hier außer Betracht bleiben.

    Ist es so, dass der individuell gestaltete Flyer, oder das Plakat, ein frisches Corporate Identity, in seinem Marktwert verliert, weil die neue Programmversion eine noch umfangreichere ClipArt-Sammlung enthält, oder ein noch besserer Farbübergang erstellt werden kann? Zeigt sich auf dem Markt, dass für diese Dienstleistungen jetzt weniger Euros gezahlt werden, weil die Software „mächtiger“ geworden ist und so etwas wie eine gestiegene Produktivität unterstellt werden kann? Gehen die professionellen Photographen auf Hartz-4, weil das neue smartphone 20 Megapixel und eine super Stitching-Funktion für Panoramabilder, Gesichts- und Smile-Erkennung hat? Wahrscheinlich ja.

    Kommen mehr Kreative auf die Idee Funktionen zu programmieren, die unter Nutzung psychoaktiver Algorithmen hypnotisierende Verkaufsimpulse in Druckmedien implantieren? Bei so mächtigen Funktionen braucht der Grafiker kaum Know How; die als teures Add-On erhältliche Extension macht aus jedem mittelmäßigen Entwurf schlichtweg den Renner. Oder denken öffentliche, halböffentliche oder private Forschungseinrichtigungen über diese Art des Transfers von wissenschaftlichen Erkenntnissen in massentaugliche Produkte nach? Gibt es das alles vielleicht schon? Habe ich mir aus genau diesem Grund letztens genau diese Rennrad-Handschuhe im Retro-Look gekauft?

    Gibt es vagabundierende Entwicklerhorden, die alles mit „neuen, noch mächtigeren Funktionen“ überziehen, Ödnisse ohne Bedarf nach Dienstleistungen hinterlassen, und zum nächsten Anwendungsgebiet weiterziehen? Fachliche Methoden einmal programmieren, ix-mal anwenden. Das erste ist spannend, irgendwie cool, kostet was, solange es nicht genug Programmierer in dem Bereich gibt. Das zweite ist blöd, kann auch scheinbar jeder, und dann manchen sich die Dienstleister auch noch selbst durch Dumping die Preise kaputt.

    Also ab zum nächsten Markt. Wo gibt es zahlungsbereite Kunden, oder viele Kunden, die wenig zu zahlen bereit sind? Ah, Werbung, in all‘ ihren Facetten. Kenne ich aus dem Fernsehen. Und aus der Zeitung. Und dem Briefkasten. Vor allem den digitalen. Und den ganzen redaktionellen Werbungen in GIS Zeitschriften. Und, fast hätte ichs vergessen, dem Internet. Ich erkenne jedesmal, wer als letzter den Laptop benutzt hat: an der personalisierten Werbung auf irgendwelchen Web-Seiten. Was für „mächtige“ Funktionen da wohl werkeln. Und dann ruft da wieder jemand an und will mir Google Adwords verkaufen, an erster Stelle bei Google stehen. Ganz toll, auch da ist GIS drin.

    Um den Bogen zur Ausgangsfrage zurückzufinden: die heute „alten Hasen“ waren vor nicht allzu langer Zeit junge Hasen, hatten Saft und Kraft. Ob es überflüssig ist, sich Gedanken zu machen, nur weil sich heute diese alte Hasen bedroht sehen, kann möglicherweise besser bewertet werden, wenn wir daran denken, dass die „alten Hasen“ immer wieder nachkommen. Also „junger Hase“: gewöhne dich schon mal an die Situation, wo es überflüssig ist, sich um deinen Lebensraum Gedanken zu machen.

    • Schön, dass mich mal wieder jemand einen jungen Hasen nennt… Danke für den Beitrag – der liest sich ähnlich polarisierend wie meiner. Gefällt mir.

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